„Schon wieder stinkt dieses Scheißding so!“ schreit Werner und wirft Jeongs grünen Kampfanzug in dessen verdutztes Gesicht. „Ich nix kann für, böse deutsche Kinder!“ Jeong ist empört. Das muss er sich nach sechseinhalb Stunden in der Kälte nicht gefallen lassen.

Ist aber auch ein Scheißjob, mit grünem Froschkostüm vor einem billigen Stoffgeschäft hüpfend auf die Sonderangebote hinweisen. Ja, man muss dabei auch noch so tun, als würde es Spaß machen, sich selbst demütigen zu lassen. Und heute waren diese frechen Rotzlöffel da und bewarfen ihn mit Stinkbomben.

Doch jetzt hat unser gutmütiger koreanische Austauschstudent Feierabend und nicht mal Zweckmitbewohner Werner kann ihm mit seinen selbstgerechten Tiraden die Laune verderben. Erst mal ein Kölsch trinken, soviel Assimilation muss sein.
Werner, wie üblich in Dreitagebart und duschvorhangfarbenem Morgenmantel gekleidet, schlurft wieder nach nebenan, unverständliches Zeug brabbelnd. Wahrscheinlich will er beim kleinen Yves nach dem Rechten sehen. Wobei sich Jeong manchmal fragt, wer wessen Obhut eigentlich dringender braucht, der ranzige Hausmeister oder sein Ziehsohn, der schon mit seinen vier Jahren besser riecht und gekleidet ist als Werner zu seinen besten Zeiten.
„Iffes“ hallt es durch die Wohnung, als würden auf den 65 Quadratmetern nebenher Jets starten. Intellektuell dürften beide mittlerweile etwa auf einem Level liegen, schätzt Jeong. Er hat bereits beobachtet, wie Yves heimlich Werners Gehaltsabrechnung korrigiert hat. Er ist wirklich ein Wunderkind, denkt Jeong zerstreut.
Plötzlich ein Schrei.

Nein, kein normaler Schrei, kein „Blick-Ins-Portemonnaie“- oder „Das-Kölsch-ist-alle“-Schrei, sondern ein wirklicher Schrei. Ein Werner-Katastrophen-Schrei.
Jeong springt auf und hastet in Boxershorts nach nebenan. Dort steht Werner wie angefroren, der Mund steht ihm offen. Jeongs Blick wandert durch Yves kleines Spielzimmer mit den vielen Plüschtieren, geometrischen Formen und selbstgemalten Skizzen. (Bei anderen Kindern würde man „Bilder“ sagen, aber nicht bei Yves, da sind es wirklich Skizzen). Alles da. Bis auf Yves. Erst jetzt bemerkt Jeong, dass das Fenster sperrangelweit offen steht, Yves kleine Kinderleiter davor.

„Was sollen wir denn jetzt bloß tun?“ fragt Werner verzweifelt. „Ich hab’s – Fips ist unsere Rettung!“. Die beiden schauen zu dem leberwurstförmigen Jagddackel, der auf seiner Großvaterdecke in der Ecke kauert. Fips ist wirklich bereits Großvater und völlig damit zufrieden, seine Gene weitergegeben zu haben. Nun schaut er irgendwie so aus, als warte er auf seinen eigenen Trauerzug. Ein schneller Tritt Werners beendet Fips Schlaf unsanft. „Fips, such den Iffes, such!“ befiehlt Werner und hält dem verrwirrten Dackel Yves Kopfkissen hin. Der Hund sieht nicht so aus, als wüsste er, was jetzt zu tun sei, findet Jeong. Zaghaft schnuppert er an dem Textil, hinkt etwas vorwärts, dann dann links, dann im Kreis hinter seinem Schwanz her. Schließlich beschließt die Leberwurst, vor Aufregung lieber auf den Teppich zu machen. Seine große Zeit ist auch vorbei.
Was sollen die beiden nur tun?

froschDie Leser haben entschieden: Yves soll an der Uni gesucht werden!

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