„Noch nie was von Autokoprophagen gehört, ihr elenden Hyänen!?“ Yves platzt der Kragen. Laut durch die Nase atmend hat er einen der nun um ihn stehenden Studenten angesprungen und ihm – naja… – und das passende Fremdwort dazu ins Gesicht gepfeffert – jeder Idiot weiß doch, dass Autokoprophagen Lebewesen sind, die ihren eigenen Kot fressen, um die darin enthaltenen Nährstoffe noch einmal zu resorbieren. <<Oh wei, so klein sieht der Jung doch gar nicht mehr aus, dass der sich noch bescheißt>>, hatte der Typ vorher noch gesagt – das hat er nun davon. Dem Studenten mit den modisch lang gewachsenen dunklen Haaren, dem ungebügelten rosa Polo und den braunen Mokassins, auf die perfekt die fast unscheinbar verwaschene Jeans fällt – ein BWLer, weiß Yves sofort – steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. „Ich glaub’ mein Schwein pfeift! Sind wir hier im Kinderparadies?“ blafft er Werner an. „Und soweit ich weiß, sind bestenfalls Menschenaffen und sonst nur Karnickel und Meerschweinchen und so’n Driss Autokoprophagen!“. Jetzt mischt sich auch noch die Freundin ein. Wird wohl ne Biologie-Uschi sein. Den Fehdehandschuh nehm’ ich auf, denkt sich Yves. Auf zum geistigen Duell.

„Komm, Iffes, sach’ brav Entschuldijung und dann gehen wir.“ Werner wäre am liebsten im Erdboden versunken. Nie war ihm etwas peinlich gewesen. Doch, einmal, da hat er die Müller-Weiss aus’em dritten Stock angegraben, als er nachts betrunken nach Hause gekommen ist und sie in der Eingangstür getroffen hat. Aber das war ihm erst im Nachhinein peinlich, da war er allein. Jetzt ist er mittendrin und schämt sich für seinen Iffes.

„Ach ja, nur Karnickel und so’n Driss? Und was ist mit dementen Menschen, bei einer Hirnatrophie, Schizophrenie oder mentaler Retardierung? Außerdem ist das ein Zeichen von Vitaminmangel!“ Yves’ Halsschlagader schwillt leicht an, er spürt an dieser Stelle seinen eigenen Puls. Ihr denkt, mit mir könnt ihr’s aufnehmen. Aber ich hab’ noch ganz andere Sachen in petto. Wartet nur ab. Mittlerweile stehen insgesamt fünf Studenten um Yves, Werner und Jeong, der sich schon abgewendet hat und so tut, als würde er auf dem Handy telefonieren.

„Wat is’ denn mentale Retardierung?“, fragt der BWLer. Ein Dritter mischt sich ein. „Der Junge ist geistig behindert!“ – Psychologie-Otto, die mag Yves ja wie Fußpilz. „Also überwiegt bei ihm der Grenznutzen der Dummheit! Naja, wie’n Intelligenzbolzen sieht der ja auch nicht gerade aus.“ – „Wie definierst du denn Intelligenz, du Schnösel?“ Yves betont besonders das letzte Wort. Noch bevor der BWLer um eine Antwort ringen muss, fällt ihm der Psycho-Otto ins noch nicht gesprochene Wort. „Das ist der Sammelbegriff für die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, zu verstehen, zu abstrahieren und Probleme zu lösen, Wissen anzuwenden und Sprache zu verwenden. Weiß doch jeder.“ – „Wusstet Ihr, dass das Stillen im Kleinkindalter einen positiven Einfluss auf die Intelligenz eines Kindes hat! Dem Kleinen wurde bestimmt nie die Brust gegeben.“ Die Pädagogik-Studentin hielt sich bisher zurück, betont ihre Frage aber wie eine Aussage, so sehr freut sich sie, etwas sagen zu können. Zweites Semester, höchstens! Yves setzt zum Gegenangriff an. „Unter gegebenen Umweltbedingungen determinieren auch die Gene die Intelligenz von Lebewesen. Und noch nie was von reziprokem Interaktionismus gehört?“ Stille. Gesichter schwenken wie eine tarierende Kompass-Nadeln hin und her. So richtig hat jetzt keiner verstanden, was der kleine Junge ohne Hose, dafür mit Kot am Bein da gerade gesagt hat. Yves lacht sich ins Fäustchen.

Braucht doch keiner zu wissen, dass reziproker Interaktionismus nur bei Eltern mit mehreren Kindern vorkommt. Der Möchtegern-Pädagogin wird in drei Semestern ein Lichtlein aufgehen – erstmal hat er es ihnen gezeigt. Ein Student hat noch gar nichts gesagt – mit seinem Gesichtsausdruck signalisiert er, dass er schlicht sprachlos ist. Seine Lippen haben einen unnatürlichen Abstand voneinander genommen, die Hände scheinen wie mitten in einer Gestik eingefroren zu sein – nun scheint er doch ein paar Worte hervor zu bringen. „Ich muss diesen Jungen bei mir haben! Er ist ein Genie!“ – „Aber Professor Ransdorf, der Jung’ kann doch nix! Bisschen Rumgeschwafel!“, versucht Rosa-Polo zu argumentieren. Der vermeintliche Student trägt eine braune Stoffhose, einen braunen, jedoch in der Nuance absolut nicht zur Hose passenden Pullover mit Rundkragen, und der Kragen des blau-grün-braun-karierten Hemdes darunter ragt so akkurat hervor, als hätte der Professor für Angewandte Wirtschaftspsychologie ein Lineal daran gehalten. Hätte Yves doch sofort erkennen müssen. „Der Kleine wird ein Star!“ – „Moment, wat mein Iffes wird, bestimm’ immer noch ich.“ Werner hat sich wieder ein bisschen beruhigt. Dass sein Iffes es mit den Elite-Futzis aufgenommen hat, hat er mit Genugtuung verbunden. Doch was viel wichtiger ist – wie soll es nun weitergehen?


Advertisements