„Nein, nein und nochmals nein, Iffes!“ Werner geht im Büro des Professors auf und ab, so, als sei er selbst der Akademiker und brüte gerade über eine Theorie, die er nicht versteht. Die ihn aber unaufhaltsam zu überrollen droht.

Professor Ransdorf konnte ihn davon überzeugen, dass sie mit in sein Büro kommen, um in Ruhe darüber zu reden. Ihm weis machen, Yves soll darüber forschen, wie man den Eintritt von Kindern in die Pubertät auf Geschäftsmodelle für so genannte „Emerging Market“-Wirtschaftsräume übertragen kann – nein. Da beißt der gute Mann, der ihnen nur Tee anbieten konnte – Kaffee hat er noch nie in seinem Leben getrunken und das wolle er auch nie –, auf Granit.

„Aber Werner, warum denn nicht?? Im Kindergarten sitz’ ich nur rum, muss mit diesen dämlichen Bauklötzen spielen, und wenn ich den anderen Kindern erklären möchte, welche Kräfte es sind, die die Klötze auf den Boden fallen lassen, dann fangen sie immer an zu flennen und rufen die Erzieherin. Wirklich – das ist nichts für mich!“

„Keine Widerrede! Su ene Firlefanz braucht et jar nit. Sieht man doch, wozu et dann führt, wenn man immer wigger rumforscht: Finanzkrise hier, immer wieder neue Krankheiten da und der Kleine Mann muss darunter leiden. Ich will, dat du später mal wat anständiges machst. Vielleicht ne Bankausbildung oder esu.“ – „Sagen Sie doch mal was, Professor!“

„Also, aufgrund seiner kognitiven Fähigkeiten, neue Zusammenhänge zu erschließen und elaboriert zu formulieren, komme ich zu der fast schon aufdringlichen Konklusion, dass dieser junge Mensch über einen Intelligenzquotienten verfügen muss, der ex ante jeglichen Rahmen sprengt. De facto ist Yves überaus kompetent, um innerhalb dieser evolvierenden Wissenschaft zu forschen und indizierte Aussagen treffen zu können, die anderen Menschen gewiss helfen werden. Denn darum geht es den Wirtschaftswissenschaftlern ja schließlich!“

„Hören se mal. Ich hab ja nit viel Ahnung von dem janzen Kram, den sie da grad verzapf’ han. Aber dat mit der Intelligenz… wissen se, wenn ich meinem Fips dat Futter von der Dose in den Napf am tuen bin, dann merk’ ich schon, wie der mich doof von der Seite anguckt. So nachem Motto <<Gib dat Futter endlich he!>>. Verstehn se, wat ich mein?“

„Nein.“

Der Hund denkt, ich bin doof! Is’ doch logisch. Der alte Fips denkt sich, warum gibt der mir mein Fressen nicht direkt aus der Dose, ich will et doch eh nur aufessen. Der wid nie verstehn, warum ich dat mach. Der hält sich selbst für am intelligentesten.“

„Wollen Sie mir damit sagen, sie halten ihren Yves für blöd?“

„Im Jejenteil! Aber ich glaub’ er weiß noch nicht wofür er es anwenden soll. Seine große Zeit wird kommen – aber zunächst muss er die Welt, in der er lebt, kennen lernen. Dann kann er wat für meine Rente tun.“

Yves hatte sich vorgenommen, ruhig zu bleiben. Mit vier Jahren am Lehrstuhl forschen, das glaub ihm Jules-Werner aus der Eisbärengruppe niemals, wenn er es ihm erzählt. Sein bester Freund im Kindergarten hat ein großes Vorbild: Yves. Er will so sein, wie er – ist er aber nicht. Das sorgt häufig für Diskussionsstoff in der Bastelecke. Aber jetzt muss Yves sachlich bleiben. Wenn Werner sich schon auf darauf einlässt, über Intelligenz zu diskutieren, dann zeig ich ihm mal, was ne Harke ist.

„Forschungen zufolge sind Lebewesen ab einer gewissen Metastufe nicht mehr in der Lage, Intelligenz als solche zu erkennen. Als Intelligenz begreift es nur, was im Rahmen seines Verhaltens liegt. Jenseits dieses Rahmens, bei der Hundefutterschale zum Beispiel, übersieht es sie schlicht. Beziehungsweise es entdeckt bloßes Chaos, weil es deine komplexen Sinnschlüsse nicht zu entwirren vermag. Entscheidungen einer solchen Intelligenz bleiben ihm unverständlich, da ihr Parameter zugrunde liegen, die seine intellektuelle Verarbeitungskapazität übersteigen. Fips sieht in dir nur die Macht, der er sich unterordnet, nicht den Geist.“

„Iffes, komm’ zum Punkt, ich will gleich noch die Sportschau sehen…“  Werner hat einfach dazwischen geredet. Sonst hört der Jung ja nie auf.

Wer soll das Gespräch nun weiter führen?

Die treuen Leser haben entschieden. Es geht weiter mit einer Ansprache von Professor Ransdorf.

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