Schluss mit Sex-Orgien und Party-all-the-time? André fürchtet sich vor der Einsamkeit und möchte endlich ein guter Mensch werden.

Die alte Frau von gegenüber sitzt am Küchentisch und löst Kreuzworträtsel. Ob sie glücklich ist mit ihrem Leben? Gestern saß sie auch schon den ganzen Tag am Küchentisch, hin und wieder steht sie auf, kommt aber wenige Minuten später zurück. Und setzt sich an den Küchentisch, wohin auch sonst.

André tut das gerade auch. Er ist nachdenklich geworden in den letzten Tagen, ein bisschen weniger hedonistisch. Auf Partys hat er gerade keine Lust, sein Handy hat er abgestellt. Stattdessen sitzt er am Küchentisch seiner Wohnung und beobachtet die alte Frau von gegenüber.

Sie scheint einsam zu sein. Fast schon einsamer als er. Die alte Frau macht André traurig. Worüber bloß? Er weiß es nicht.

Vielleicht ist es das Alter, vor dem André sich fürchtet. Er, die schillernde Tunte, die glitzernde Diva, das wandelnde Lästermaul, empfindet Mitleid. Ein seltener Moment, das weiß André selbst.

So kann das nicht weitergehen. Er hat Sex mit unzähligen Männern gehabt, aber dabei gespürt hatte er nichts. Er hat literweise Vodka in sich gestürzt, aber die Realität holte ihn immer wieder ein. Und: Er kennt unglaublich viele Menschen, aber Freunde hat er keine.

André schaut durch das Fenster hindurch, quer über die Straße, durch das Fenster der alten Frau, er schaut sogar durch die Frau hindurch – so versunken ist er in Gedanken.

Er muss etwas ändern an seinem Leben. Sonst wird er irgendwann allein am Küchentisch sitzen und Kreuzworträtsel lösen, bis der Herr, wie kitschig, ihn zu sich holt. Es muss Schluss sein mit dem ausufernden Leben, mit dem unkontrollierten Alkoholkonsum und mit den Drogen. Mit den Männern, die er für eine Nacht braucht, um sie dann zur Tür hinaus aus seinem Leben zu begleiten. 

André will sich nicht weiter diesen Klischees hingeben. Er will den Leuten zeigen, dass er auch anders kann. Dass er nicht bloß die Tunte ist, sondern André – eben viel mehr als nur schwul. Er will ein neuer Mensch sein. Nicht erst morgen, sondern ab sofort.

Eine heftige Bewegung reißt ihn aus seinen Gedanken heraus. Die alte Frau winkt ihm zu, lächelnd. André ist überrascht. Schüchtern winkt er zurück.

Vielleicht, denkt er, sollte ich einfach zu ihr gehen und ihr ein wenig Gesellschaft leisten?

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