André zögert noch. Soll er wirklich zu der alten Frau rüber gehen? Was ist, wenn ihn jemand sieht? Ach, stell dich nicht so an, sagt er sich, nimmt seine Jacke und verlässt das Haus.

Vor den Klingelschildern des Nachbarhauses bleibt er stehen. Mist, er weiß ja gar nicht, wie die Frau heißt. Er liest: Badenhorst, Rubner, Rohlmann, Hoffmann…wie viele Leute in so einem Block wohnen. Was das wohl für Leute sind? Was sie gerade machen? Sind sie glücklich? Ihm fällt auf, dass er eigentlich gar nichts von seinen Nachbarn weiß. Mal sieht er den einen oder anderen vom Einkaufen zurückkommen. Aber angesprochen hat er sie noch nie. Warum auch?

Also welcher Name? Rohlmann hört sich gut an. Er klingelt.

Aus dem Lautsprecher ertönt eine leise Stimme. „Schön, ich habe mir schon gedacht, dass du kommst. Dritter Stock. Ich lasse die Tür einen Spalt offen.“ André ist verwundert. Die alte Frau hat ihn erwartet?

Irritiert läuft er die Treppe hoch. Das Treppenhaus ist düster. Hier nehmen die Bewohner das Saubermachen wohl auch nicht so ernst, denkt André sich.

Vorsichtig drückt er die angelehnte Tür im dritten Stock auf. Es sieht aus, wie bei seiner Großmutter zu Hause. Dunkle Eichenmöbel, ein grünes Sofa, Spitzendecken auf den Tischchen. Kaffeeduft zieht durch den Raum. Er fühlt sich irgendwie geborgen. Was ist nur los mit dir, fragt sich Andrè. Bist du jetzt sentimental geworden? Reiß dich zusammen.

„Ähhh…haben Sie Lust Scrabble zu spielen?“, fragt er die alte Frau. Sie nickt und  guckt Andrè nachdenklich an. Dann holt sie das Spielbrett aus einem der Eichenschränke und serviert André eine Tasse Kaffee. „Lass uns scrabblen!“

André hat keine Chance. Gegen „Xylophon“ und „Xanthippe“ kann er mit „Mann“ und „Esel“ nichts ausrichten. Und das waren erst die ersten beiden Züge.  Frau Rohlmann scheint ein Profi zu sein. Sie redet kein Wort, lächelt André aber immer nett zu.

Nach einer halben Stunde steht André entnervt auf: „Frau Rohlmann, ich muss leider schon gehen. Es war sehr nett bei Ihnen. Vielen Dank für den Kaffee!“

Frau Rohlmann steht auf und lächelt ihm zu. „Auf Wiedersehen. Vielen Dank für deinen Besuch.“

André tritt ins Treppenhaus und hastet ins Erdgeschoss. Zu hause angekommen schmeißt er sich auf sein Bett und denkt nach.

Advertisements