Drei Straßen waren im Rennen als möglicher Schauplatz der Soap „Unser Veedel“ – nur eine konnte gewinnen. Das Rennen hat die Severinstraße gemacht – die genauen Ergebnisse der Abstimmung gibt es hier.

Als Schauplatz der Serie habt Ihr auserkoren:
Severinstraße: Leben im Blick zurück

Nicht gewählt wurden:
Die Alteburger Straße: Wunderschön durchgestylt
Neusser Straße: Den zweiten Dom vor Augen


Alteburger Straße: Wunderschön durchgestylt

Menschen ziehen in Gegenden, weil sie etwas sind: wohlhabend, arm, kinderlos, Großfamilie, jung, alt. Manche ziehen aber auch in Gegenden, um etwas zu werden: gentrifiziert, hip, wieder solo, ein Yuppie halt.

Sag mir, dass Du in der Alteburger Straße wohnst, und ich sage dir, dass Du genau so einer bist. Unbekümmert vom Rest der faden Gesellschaft fristest Du Dein Worka(lka)holic-Dasein in viel zu teuren Wohnungen, mit viel zu hohen Decken und viel zu minimalistischen Möbeln. Hier wohnst Du, egal ob du alt oder jung bist, viel Geld hast oder nur so tust, als hättest du es. Falls Du Kinder hast, wen kümmerts? Dann lernen sie wenigstens nur coole Leute kennen.

Dass Deine Straße eine wunderschöne Allee ist, merkst Du nur, wenn Dein Einser im Herbst die Anti-Schlupf-Regelung rauskramen muss. Dass in der WG gegenüber die übelste Drogen-Party seit 68 geht, brauchst du gar nicht zu merken. Du bist eh eingeladen.

Die perfekte Soap-Straße. Denn wer schaut schon eine Seifenoper, in der die Drehorte nicht mindestens genauso übertrieben durchgestylt sind wie ihre Schauspieler?
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Severinstraße: Leben im Blick zurück

Massig stapeln sich die alten Steine zu einer Torburg empor. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zwingen den sonst so hektisch durch die Gassen und Straßen wuselnden Menschen eine angenehme Ruhe auf, die Stadt holt noch einmal kurz Luft – um sich danach dem brodelnden Nachtleben zu übergeben.

Goldene Strahlen schimmern auf drei Männer, die sich unter der Torburg unterhalten.

Der größte von ihnen wirft sich mit großer Geste seinen roten Schal um die Schultern. Wild gestikuliert er mit einer Hand, die andere umklammert eine zerfranste, hellblaue Mappe, die sich mit seiner quietschbunten Weste beißt – wobei sich mit der grün-gelb karierten Weste eigentlich alles beißen würde.

„Ich sage euch, in den Achtzigern, den Neunzigern … ja da, da war die Severinsstraße noch eine Eins-A-Adresse für Künstler!“ Er sagt „Severinsstraße“, so wie es alle anderen auch tun. Auch wenn sie eigentlich „Severinstraße“ geschrieben wird.

Ich gehe weiter und denke mir wie schön es wäre, wenn mir der türkische Gemüsehändler zu meiner Rechten laut ins Ohr brüllen würde „Tomaatähneinsfunnfzig!“ Das wäre ein schönes Bild, eins, das man gerne liest. Er sitzt aber nur da, liest Zeitung und kaut gedankenverloren auf Sonnenblumenkernen herum. Das kann ich nicht schreiben, viel zu unspektakulär.

Haus Balchem, die alte Bücherei schräg gegenüber, war einmal eine Art kultureller Treffpunkt. Ich war lange nicht mehr darin. Habe gehört, sie hätten einen Wasserschaden gehabt. Wollten sie nicht auch mal umziehen? Es gab damals Proteste, Lichterketten und so. Das Ende der Kultur wurde prophezeit! Ich glaube, sie hat immer noch auf.

Nun komme ich an der Spielhalle vorbei. Schon wieder so eine traurige Erscheinung der modernen Welt, und das auf einer der traditionsreichsten Straßen Kölns. Durch die Glasscheiben winken mir Kalle und Benno zu. Kalle ist an die 80 Jahre alt und Zeit seines Lebens nur einmal umgezogen. Von Nummer 14 runter zu Nummer 33.

Benno will gerne mal raus aus der Stadt, sagt er zumindest immer. Wir waren zusammen in der Schule, sehen uns ab und an beim FC. Er macht eine Schreinerlehre bei Holz Schumacher. In einer Seitenstraße, ungefähr zwei Minuten weiter, dann links.

Am Odeon, dem Kultur- und Programmkino mit den schönsten Kinosesseln der Welt, bleibe ich einen Moment stehen. Gegenüber öffnet eine neue Kneipe: Unfassbar. Wobei, Eigennamen sollte ich in Anführungszeichen setzen: „UnFassBar“. Früher war hier die Kulturkneipe „Popocatepetl“. Damals, in den Achtzigern …

Nebenan ist das gut besuchte „Schmitze lang“. Das gibt es schon seit 108 Jahren, sein Gründer Jupp Schmitz soll 2,04 Meter gemessen haben. Aber ganz voll ist die Kneipe doch nicht: Niemand sitzt auf dem alten Holzschemel vor dem Spielautomaten. Früher hat hier Kalle gesessen.

Je näher man der Innenstadt kommt, desto breiter würde die Straße werden, wenn nicht alles voller Baustellen wäre. Dickbäuchige Bauarbeiter bearbeiten den Bodenbelag, während hübsche junge Frauen in den selben Bauarbeiter-Westen eilig von hier nach da und wieder zurück huschen. Zuerst überkam mich ein Gefühl von Sozialromantik: Endlich können frischgebackene Akademikerinnen zusammen mit urigen Presslufthämmerern Hammer und Bauschaufel schwingen! Leider sind das nur Archäologiestudentinnen. Morgen sitzen sie wieder in der Uni.

Einige Ladenlokale stehen leer. Das war früher anders. Der Öko-Supermarkt „Basic“ hat zugemacht. Vorher war dort eine Aldi-Filiale gewesen, die aber wiederum in den ehemaligen Fortuna-Fanshop gezogen ist. Fortuna hat nun nach langer Zeit wieder eine erste Mannschaft und pleite sind sie auch nicht mehr. Aber so gut wie damals ist es noch lange nicht. Damals, in den Achtzigern …

Ein paar Meter weiter drückt sich eine kleine, weißhaarige Oma die Nase am Billy-Back-Schaufenster platt und starrt verzweifelt durch ihre dicke Brille. Als die Verkäuferin heraus kommt, die alte Dame am Arm nimmt und ihr die kleinen Schilder vorliest, sagt diese: „Junge Frau, das ist sehr nett – Deswegen komme ich auch zu Ihnen! Diese ganzen neuen Ketten würde ich nie besuchen!“

Als ich auf Höhe der Bahnhaltestelle mein Fahrrad aufschließe, kommen mir zwei junge Frauen entgegen. Viel älter als ich können sie nicht sind, aber eine schiebt einen Kinderwagen und schüttelt den Kopf, die andere trägt einen Blazer und stellt fest, dass diese Straße nicht mehr das ist, was sie in den Achtzigern war. Und die neue Kneipe gegenüber dem Odeon, die sei echt gut … [ Seitenanfang ]


Neusser Straße: Den zweiten Dom vor Augen

Unweit des Kölner Hauptbahnhofs und des berühmten Doms liegt der Ebertplatz, benannt nach dem ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert. Hier, an der Schnittstelle zwischen dem Eigelstein-Viertel und dem Agnesviertel beginnt sie, die Neusser Sraße. Ob das der richtige Schauplatz für eine dramatische Soap ist, in der sich die Ereignisse überschlagen? Mal schauen, was diese Gegend alles zu bieten hat. Eine Besichtigung vor Ort…

Ich verlasse die U-Bahn an der Haltestelle Ebertplatz und stehe inmitten einer riesigen Baustelle. „Umbau der Stadtbahnhaltestelle Ebertplatz“, verkündet ein riesiges Infoschild der Kölner Verkehrs-Betriebe KVB. Ich fahre die Rolltreppe hinauf in die Dunkelheit eines kühlen Freitagabends im November. Der Ebertplatz ist von der Baustelle gezeichnet. Nicht besonders viel spielt sich hier ab, wo sich die Ringe, die Riehler und die Neusser Straße, sowie die Nord-Süd-Fahrt treffen. Eine Blechlawine schlängelt sich um den Platz herum, auf dem Platz an sich hetzen lediglich gestresste Menschen um Baucontainer herum zum U-Bahn-Schacht und ins Wochenende. Sonst ist es ruhig an dieser Stelle: „Der Ebertplatz war früher ein gefährlicher Ort und gefürchtet wegen seiner Drogenszene“, erzählt eine Apothekenangestellte. „Aber das hat sich zum Glück geändert“.

Apropos, Stichwort Apotheke, die entdecke ich hier zu Hauf, sobald ich Richtung Neusser Straße weitergehe. Und gleich fünf Bankfilialen in unmittelbarer Nachbarschaft. Wie passend, denke ich mir, auf jede der im Sturm der Finanzkrise wankenden und kränkelnden Banken kommt hier mehr als eine Apotheke. Aber ob das noch was nützt?

Im Teil der Neusser Straße zwischen Ebertplatz und Neusser Platz pulsiert das Leben. Der Straßenverkehr staut sich vor den Ampeln hunderte Meter weit, voran geht es wenn überhaupt nur im Schritttempo. An freie Parkplätze braucht man gar nicht erst denken, die gibt es schlicht und einfach nicht. Radfahrer schlängeln sich um alle Hindernisse und quetschen sich in jede noch so kleine Lücke. Auf dem Gehweg parkt sogar ein kleiner und wendiger Smart. Drumherum laufen unzählige Passanten mit Einkaufstüten. Zum Einkaufen scheint man hier ohnehin an der richtigen Stelle: Supermärkte, Drogerieläden, Juweliere, Augenoptiker, Reisebüros, Friseursalons, Blumenläden und kleine Modegeschäfte – Geld lassen kann man hier überall, eine Einkaufsmöglichkeit reiht sich an die nächste. „In dieser Straße ist wirklich alles da“, bestätigt mir ein Rentnerehepaar, das ich unterwegs treffe.

Aber ist das alles, was diese Gegend ausmacht? „Das besondere ist, dass Jung und Alt hier wunderbar zusammenleben“, berichtet der 67-Jährige Pensionär. Die Straße sei schon sehr wichtig für das Agnesviertel und Nippes, ergänzt seine Ehefrau. Viele alte und auch behinderte Menschen seien in den Altbauwohnungen genauso zu Hause wie junge Studenten.

Für diese ist ebenfalls einiges geboten: Für das abendliche Ausgehen gibt es mehrere Bars und Kneipen, dazu Restaurants von italienisch bis indonesisch. Und zum Abtanzen sind die Ringe ja gleich um die Ecke.

Ich schlendere weiter, unter den Bäumen, die auf beiden Straßenseiten stehen, entlang durch die große Masse des Herbstlaubs auf dem Bürgersteig. Vor mir baut sich auf dem Neusser Platz ein großes und altes, aber gut erhaltenes Bauwerk auf, angestrahlt von hellem Licht. Es ist St. Agnes, eine katholische Pfarrkirche, nach dem Dom die zweitgrößte Kirche Kölns. Ich gehe in den imposanten Bau hinein. Es ist still, das hektische Treiben auf der Neusser Straße direkt nebenan ist vergessen. Die Kirche, die von innen noch viel beeindruckender als von außen wirkt, ist ein gigantischer Ruhepol. Ab und an ertönen leise und zarte Geräusche von der riesigen 50-Register-Orgel, die 1989 von einer österreichischen Orgelbaufirma erbaut wurde. Das ist er also, Kölns Dom Nummer zwei.

Zurück im geräuschvollen und bunten Lichtermeer der Neusser Straße begebe ich mich zurück in Richtung Ebertplatz. „Alles wunderbar hier, ich hatte niemals Probleme und die Menschen sind alle sehr freundlich“, erzählt mir unterwegs ein Italiener, der seit 1984 in der Straße wohnt. Überhaupt scheint hier niemand wirklich unglücklich zu sein. Wer hier lebt, macht das gerne und ist zufrieden.

Ich streife noch eine Reihe nobler Geschäfte, Schmuckläden und feine Modeausstatter. „Die Straße bietet auch teure und schicke Adressen für vornehme Leute, die in der Gegend wohnen“, erzählt der Mitarbeiter eines Computerfachgeschäfts. Insgesamt sei das Agnesviertel aber schon ein sehr hippes und biete eben für alle etwas, erzählt eine andere Geschäftsfrau.

Das ist sie also, die Besonderheit dieser Gegend: Es gibt von allem beide Seiten. Junge und alte, vermögende und weniger vermögende Menschen, Ur-Kölner und Zugezogene: Alle können sich hier wohl fühlen und leben friedvoll zusammen.

Bevor ich im U-Bahn-Schacht wieder die Bahn nehme, möchte ich aber noch klären, was dieses seltsame Kunstgebilde auf dem Ebertplatz darstellen soll. Sieht aus wie überdimensionierte Nägel, die auf der Seite liegen. „Das soll eigentlich ein Brunnen sein, aber häufig ist er außer Betrieb“, erzählt mir in einem Wirtshaus ein Einheimischer, der schon ewig hier lebt. Genauer gesagt ist der Brunnen eine Wasserkinetische Plastik, erschaffen von Wolfgang Göddertz in 1977. „Sie können ja dafür spenden, vielleicht gibt es dann eine Chance, dass er wieder in Betrieb genommen wird“, schlägt der Kölner ein wenig resigniert vor.

Auch hier kann eben nicht alles perfekt sein…[ Seitenanfang ]