Drei Treffpunkte standen zur Wahl; drei Orte, in denen sich die Stars aus „Unser Veedel“ treffen, um Sorgen und Nöte zu besprechen, sehen und gesehen zu werden, sich kennenzulernen oder übereinander zu lästern. Das exakte Ergebnis gibt es hier.

Von Euch gewählt wurde:
Uschis Treff: Und Du magst sie doch…

Nicht ausgewählt wurden:
Café Silberschnabel: Plastik-Apfel vs. Opern-Arie

English Books and Tea: Auf einen Chat zu Brian


Uschis Treff: Und Du magst sie doch…

Was nur treibt Dich immer wieder hierher? Verloren schaust Du das Kölsch-Glas an, an dem Du dich festklammerst. Das wievielte?

Kein Platz mehr frei an der Bar in Uschi’s Treff. In der hinteren Ecke hast Du dich niedergelassen. Kannst sie gut beobachten von hier aus, trotz der trüben Stinkluft. Wie sie dort sitzen. Über ihre Probleme reden. Herrje, haben die niemanden? Kommen tagtäglich hierher und betrinken sich. Simulieren eine Gemeinschaft. Weil sie woanders niemand will? Oder weil das Kölsch hier zehn Cent weniger kostet? Noch eins. Und nen Korn, den gibt’s für neunzig Cent.

Rot, grün, blau, gelb, lila, weiß. Kirschen, Bananen, Dollarzeichen, Glückskäfer. Noch nie hast du eine Kneipe gesehen, in der tagtäglich so viel Geld von blinkenden Plastikkästen gefressen wird. Noch nie konntest Du das verstehen. Zehn Euro für zehn Minuten Knöpfe drücken – wie viele Kölsch gibt’s dafür noch gleich? Und doch freust Du dich. Verströmen ein bisschen Disco-Atmosphäre, diese Kästen. Du magst, wie die Traningshosen und Flanellhemden der Barsitzer das Geblinke reflektieren. Wie so mancher Mittfünfziger zwischen Glas und Kasten hin- und hertanzt. Ja, wie diese Dinger selbst tanzen, immer neue Blinkfiguren zu erzeugen wissen.

Die Speisekarte. Auch essen kann man hier. Hast Du noch nie probiert. Sollst Du ausgerechnet jetzt? Du freust dich an dem rot-weißen Karomuster deines Plazdeckchens und bestellst ein Rumpsteak. Mit Pommes, nein, nicht mit Kartoffeln. Und den Krautsalat aus der Tonne brauchst Du nicht. Danke.

Der Schaum deines frischen Kölschs beugt sich über den Rand, so als würde er schauen, wie tief es hinunter geht. Dann gleitet er sanft hinab. Weicht den Deckel endgültig auf. Hat sich im Glas bestimmt wohler gefühlt. „Kein Kölsch für Nazis“. Gut. Bist ja keiner.

Neue Wundermittel gegen Rückenprobleme empfiehlt man sich an der Bar. Warum denn der Arzt rät, nicht mehr zu rauchen, will eine wissen. Sowas kann er doch nicht machen. Weiß immer alles besser, der Arzt. Zu dem geht sie nicht mehr. Immer redest Du Dir ein, dass Dich das alles nicht interessiert. Dass Du mit den Verlierern aus deinem Viertel nichts am Hut hast. Was nochmal treibt Dich immer wieder hierher?

Vergiss die Frage. Du befeuchtest deine Kehle, beißt in dein Steak. Glutamat und Kräuterbutter. Und Pommes von gestern. Ist Dir egal.

Irgendwie magst Du sie ja, wie sie dort sitzen und sich anblinken lassen. Sogar einen Namen hast Du ihnen gegeben. Barsianer. Das passt in die Zeit. Nur, dass der Jackpot hier schon länger ausbleibt.

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Savoir-Vivre-Café Silberschnabel: Plastik-Apfel vs. Opern-Arie

Trinken, lachen, arbeiten. Und naschen, und schlürfen, und reden. Und arbeiten. Und arbeiten.

Schon vormittags sitzt der Webdesigner im Silberschnabel. Seine Produktionsmittel sind Gehirn und Gigahertz. Bücherregale und Fensterfronten groß wie Breitbild-Flatscreens rahmen seinen Arbeitsplatz.

Ist das hier schon der Prenzlauer Berg? Die Gäste würden ja sagen, wenn sie etwas sagen würden. Aber sie stimmen lieber online ab.

Auf der Tageskarte stehen Apple und Apfelkuchen. Der Latte Macchiato kann aus vier verschiedenen Bohnen gebraut werden – es sind vier Bio-Sorten. Die Laptop-Lüfter blasen Staub in die Luft, die Freelancer Zigarillo-Rauch. Ein Paradies aus Bits und Bytes: Allein: Es wird zu viel getippt und zu wenig konsumiert.

„Niemand hat die Absicht, eine Firewall zu errichten.“ Leo Jungbron, der Chef des Silberschnabels, seufzt. „Aber das digitale Zigeunerpack vertreibt meine bürgerlichen Klienten!“, haidert der hagere Selbstständige. Den großen Umsatz bringen die postmodernen Proleten nicht, schlimmer noch: Ihr hektisches Klick-Gewitter vertreibt die finanzpotenten Kaffeekränzler. Deswegen zieht Jungbron jeden Tag um Punkt sechs die Notbremse und den Stecker, der den W-Lan-Router mit Strom versorgt, und verscheucht so die Nibireku (Nicht bilanzrelevante Kundschaft).

In E-Mails-Eile bestellen dann die Bohémiens ihre Rechnungen. Aus der Digisphäre wird die Abendgesellschaft. Spätnachmittags klappern Kaffeetassen auf dem Tablett, rascheln Zeitungen, rauschen Podcasts im Headset. Abends lassen Besserverdienende Weingläser klirren, streicheln die braunen Seiten des Gedichtbands, tragen gedämpft Opern-Arien vor.

Das jetzt konsumbewusste, soll heißen: konsumfreudige Publikum ist gemischt, natürlich nur bis zum normalen Maß. Unsere türkischen Mitbürger bleiben ja eh lieber unter sich. Aber es gibt doch Migranten unter den Gästen. Sie kommen gerade vom Flughafen, sind in Barcelona gestartet und stoßen mit Kölsch auf ihren Deutschland-Trip an.

Wenigstens das Essen ist international: die Tomaten glänzen im Humus, der Quiche duftet zwiebelig, das Steak ist mit Scotch flambiert. Die Pfeifchen und der Kreditkarten-Leser qualmen. Hat Jungbron gute Laune, gehen Schokolade und Champagner aufs Haus.

Der Silberschnabel – hier bin ich gentrifiziert, hier darf ich’s sein.
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English Books and Tea: Auf einen Chat zu Brian

English Books and Tea: Ein kleines, gemütliches Café, in dem man englischen Tee trinken und Butterkekse essen kann. Die Preise sind studentenfreundlich, und der Cafébesitzer, nennen wir ihn einfach Brian, ein sehr sympathischer Mann Mitte bis Ende 20. Der einzige Haken: Brian spricht nur Englisch mit seinen Gästen, bei Deutsch schaltet er auf stur. Wenn man aber Englisch mit ihm spricht, redet er wie ein Wasserfall. Am liebsten spricht er über Bücher, von denen er Unmengen in seinem kleinen Café zum Verkauf anbietet. Bei ihm gibt es alles von Jane Austen über J.K. Rowling bis hin zu Dan Brown. Natürlich im englischen Original.

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